Ein schönes Interview mit Meister Tian Liyang gefunden bei ARTE – klick fürs Original.
Ich weiß nicht, ob ARTE diese Doku, welche eigentlich vom SWR produziert wurde, wiederholen wird, denn mittlerweile gibt es die DVD zu kaufen.
UPDATE: Am 17.06.08 wurde die Doku auf 3Sat wiederholt.
Tian Liyang kam über die Kampfkunst zum Daoismus und wurde 1988 in einer traditionellen Zeremonie daoistischer Mönch und Meisterschüler von You Xiande, Leiter des Klosters Taihegong in den Wudang-Bergen. Inzwischen betreibt er im Wudangshan eine eigene Schule für innere Kampfkünste, an der Kinder und Jugendliche ausgebildet werden. Im Herbst 2001 hatten wir Gelegenheit, mit ihm über einige zentrale Themen wie Entspannung und die Bedeutung des Formtrainings für Taijiquan-Praktizierende zu sprechen. Für Tian Liyang steht demnach die innere Arbeit vor allem beim fortgeschritteneren Üben im Vordergrund, wozu spezielle Meditations- und Atemübungen gehören. Als Daoist sieht er Kampfkunst als Entwicklungsweg, der letztlich über die tatsächliche Anwendung hinausführt.
DER KÖRPER IST DIE QUELLE :
- Was sind für Sie die Grundprinzipien im Taijiquan?
Da ich das Taijiquan nicht erfunden habe, kann ich auch nicht davon sprechen, was das Taijiquan für Grundprinzipien für mich hat. Die Prinzipien im Taijiquan sind überall dieselben. Allgemein lässt sich sagen, dass im Taijiquan je nach Übungsniveau verschiedene Anforderungen und Regeln gelten. Es gibt zahlreiche Prinzipien, aber grundsätzlich gelten die Prinzipien von Entspannung beziehungsweise Loslassen, Fangsong, sowie von Ruhe und Natürlichkeit. Die Bewegungen sind rund und lebendig, der Körper ist aufrecht, Himmel, Erde und Mensch bilden eine Einheit, ebenso Körper und Geist, das Innere und das Äußere werden gleichzeitig kultiviert.
- Sie sprechen von Entspannung beziehungsweise Loslassen. Was bedeutet das konkret für Sie?
Krankheit und Schwäche des Menschen werden hervorgerufen durch Einflüsse in unserem Leben (im Nachgeburtlichen), das heißt, wir verbrauchen unser Qi, indem wir zum Beispiel unseren Geist zu stark beanspruchen, zuviel nachdenken, durch die Arbeit und viele andere Faktoren. Wenn wir loslassen und entspannen, kann unser Körper wieder in einen Zustand des »Wuji« treten und zurück zu Natürlichkeit und Einfachheit gelangen. Der Körper wird durchgängig, das Qi kann frei in unserem Körper fließen und Gesundheit stellt sich ein. So heißt es: »Was entspannt ist, ist auch durchlässig.«
- Welche Rolle spielt beim Taijiquan die Form?
Die Form des Taijiquan wird praktiziert, um durch die Übungspraxis den Zustand unseres Körpers zu verändern und beispielsweise zu lernen die Bewegungen des Körpers zu koordinieren und eine Kontinuität der Bewegungen zu erreichen; das ist der körperliche Aspekt der Übungspraxis.
Man kann auch sagen, dass das Praktizieren der Form wie der Bau eines schönen Gebäudes ist. Wenn man die Form sehr schön läuft und gleichzeitig mit seiner inneren Übungspraxis (Neigong) sehr weit ist, dann ist das, ais ob in jenem schönen Gebäude viele hübsche und praktische Möbel stehen. Erst durch das Zusammenspiel von Innen und Außen – von innerer Übungspraxis und äußerer Form – wird das Gebäude auch zu einem wunderbaren Zuhause. Wichtig ist, dass die äußere Haltung in der Form stimmt – wie bei einem Haus -, sonst kann das Qi im Inneren nicht richtig fließen.
Die Form alleine ist jedoch nicht das Mark des Taijiquan. Am Anfang steht die Übung der Form, aber um ein hohes Niveau im Taijiquan zu erreichen, muss später auch die innere Arbeit einen bedeutenden Bestandteil der Übungspraxis darstellen, zum Beispiel Übungen der Stehenden Säule, Meditation, Atemübungen wie »Das Auswerfen des Alten und das Aufnehmen des Neuen « -Tugunaxin sowie »Das Leiten und Führen der Aufmerksamkeit« – Yishi Daoyin. Später kommen die inneren und äußeren Aspekte zusammen und bilden eine Einheit.
- Was für eine Bedeutung hat die Ausübung einer Kampfkunst für Sie als Daoisten?
Der Begründer des Taijiquan Zhang Sanfeng sagte einmal: »Ich wünschte, die Menschen auf dieser Welt würden sich in der Kunst der Verlängerung des Lebens üben und nicht so sehr auf die groben und oberflächlichen Kampftechniken bedacht sein.
Der Körper ist die Quelle für alle Dinge, alle Pläne und die Entwicklung im gesamten Leben eines Menschen. Als Daoist habe ich den ehrgeizigen Wunsch ein großes kulturelles Erbe weiterzuführen und bemühe mich nach dem religiösen Grundsatz zu leben, der lautet: »Rette dich selbst, dann hilf anderen sich selbst zu retten und verhelfe schließlich der Menschheit sich selbst zu retten.« Die Daoisten wünschen sich Frieden in der Welt und Gesundheit für alle Menschen. Kampfkunst, und damit auch Taijiquan, dient der Gesundheit und gleichzeitig auch der Selbstverteidigung. »Sich selbst zu retten und anderen zu helfen sich selbst zu retten« bedeutet Gesundheit und Vitalität für sich und seine Schülerinnen zu erlangen. Wenn man sehr viele SchülerInnen unterrichtet und diese aus ihrer Übungspraxis großen Nutzen ziehen und immer gesünder werden, so dass Krankheit und Schmerz für sie in weite Ferne rücken, so ist das eine Möglichkeit »der Menschheit zu helfen, sich selbst zu retten«.
- Gibt es einen Konflikt zwischen ihrer religiösen Praxis und der Kampfkunst?
Nein, denn man sucht nicht nach Gelegenheiten zu kämpfen, kann sich aber im Notfall verteidigen. Das heißt, man besitzt diese Fähigkeit, macht aber nicht unbedingt von ihr Gebrauch. Wenn man das Dao auf einer hohen Ebene kultiviert hat, wird die Gelegenheit zum Kampf sehr unwahrscheinlich. Ein Grundsatz in der daoistischen Praxis lautet: »Streite dich nicht mit der Welt und um weltliche Dinge, sei friedlich und gütig.« Wenn man diesen Grundsatz befolgt, gibt es keine Grundlage für eine kämpferische Auseinandersetzung.
Am Anfang der Taijiquan Übungspraxis praktiziert man den Kampfkunstaspekt nicht, später erlernt man ihn, um sich dann auf einer höheren Stufe der Kultivierung des Dao zu widmen. Die Kampfkunst bleibt dann »tief versteckt und kommt nicht zum Vorschein«.- lm Taijiquan spricht man vom unteren, vom mittleren und vom oberen Dantian. Welche Bedeutung haben die drei Dantian in Ihrer Tradition?
lm Taijiquan heißt es »das obere Dantian ist der Speicher des Geistes (Shen), das mittlere Dantian ist die Kammer des Qi und das untere Dantian ist der Ort, an dem Jing (Essenz), Qi und Shen zusammenfließen. Wenn alle drei Dantian kultiviert werden und durchlässig sind, dann sind Jing, Qi und Shen voll und reichlich und die innere Kraft ist stark.« Dies zu praktizieren ist einer der Hauptinhalte der inneren Übungen in der daoistischen Wudang-Schule. Wenn man sich im Taijiquan lediglich intensiv mit der Form beschäftigt, kann man nur schwerlich eine hohe Stufe erreichen. Wenn man die drei Dantian praktiziert, entstehen im Inneren des Körpers Energien, die die normaler Menschen weit übertreffen, man kehrt zurück zu ursprünglicher Natürlichkeit und erlangt einen Zustand äußerer Weichheit und innerer Härte.
- Was für eine Bedeutung hat das Taijiquan innerhalb der daoistischen Praxis?
Taijiquan wird bezeichnet als die »Mutter der zehntausend Kampfkünste«. Es steht innerhalb der daoistischen Praxis über all den anderen inneren Stilen. Durch die Praxis des Taijiquan kann man die Prinzipien von Yin und Yang begreifen und so auf einer hohen Ebene ins Dao eintreten. Dann wiederum kann man das daoistische Gedankengut in sein Taijiquan umsetzen.
Vielen Dank für Ihre Auskünfte.
Diese Interview wurde veröffentlicht in
“Taijiquan & Qigong Journal” März 2002
Übersetzung von Marianne Herzogwww.tqj.de


