Die Sache mit dem Ehrgeiz, den Grenzen und der Achtsamkeit – Der Handstandclub

Vor ein paar Tagen habe ich mich beim Handstandclub angemeldet. 10 Tage lang wird sich eine kleine Gemeinschaft von Menschen aus ihrer Komfortzone bewegen und „gemeinsam“ das Thema Handstand angehen.

Heute startet der erste Tag. Solche Momente lassen mich nachdenklich werden. So wie heute.

Warum mache ich das? Was treibt mich an?

Ich muss mir nichts mehr beweisen. Nur weil vermeintlich alle Welt auf den Händen stehen kann, muss ich es nicht auch können. Mein Körper setzt mir in verschiedenen Situationen Grenzen. Zum einen ist er einfach nicht mehr wirklich jung. Die Jahre hinterlassen alleine schon der Jahre wegen Spuren.

Daneben hat er einige Operationen überstehen dürfen, von denen für mich die beiden Knöchelfrakturen des linken Sprunggelenks heute noch spürbar sind. Der linke Fuß ist definitv instabiler und ich brauche dort immer etwas mehr Training. Aber auch nicht zu viel, dann beginnt es zu ziehen.

Im rechten Oberschenkel knallte es vor Jahren mal ganz mächtig beim Dehnen. Danach konnte ich das Bein kaum mehr strecken. Es dauerte gut ein halbes Jahr, bis ich ansatzweise wieder so was wie eine Vorbeuge machen konnte. Heute noch hängt die Dehnung im rechten Bein geschätzt immer ca. 30% hinterher. An guten Tagen weniger, in weniger guten Tagen mehr.

Durch die knappen 20 Jahre am Behandlungsstuhl mit verdrehtem Sitzen ist meine Rückenmuskulatur rechts übertrainiert für den Bereich. Bei der Hüfte muss ich aufpassen, dass mein ISG nicht schlapp macht, wenn ich sie am Stuhl so weit öffen und verdrehen muss. Wie sehr durch das Arbeiten Hals-, Brust- und Lendenwirbel in Mitleidenschaft gezogen sind, weiß ich nicht.

Praxis Halben Hamburg

Grenzen

Wenn ich für mich zuhause übe, dann habe habe ich im Kopf, dass ich meinen Körper nicht überstrapazieren darf. Ich trage für ihn die Verantwortung. In gewisser Weise passt er ja auch auf mich auf, in dem er mir Signale gibt. Ist nur manchmal nicht so leicht zu verstehen, was er mir sagen möchte 😀 .

Ich übe achtsam, versuche viel hineinzuhorchen. Es ist manchmal eine Gratwanderung. Aber durch die Jahre weiß ich, wie sich Schmerzen anfühlen, die durchaus okay sind und Schmerzen, die mich alarmieren. Für mich ist es sehr wichtig, die Komfortzone zu verlassen. Würde ich das nicht tun, wäre mein Körper heute nicht so fit, wie er ist. Und tatsächlich fühlt er sich seit Monaten so fit und gut an wie schon seit Ewigkeiten nicht mehr.

Ich bin mir meiner groben Grenzen bewusst, aber gleichzeitig versuche ich beim Üben so weit zu gehen, wie es möglich ist ohne eine Grenze im Kopf zu haben bzw. sie vorher zu definieren.

Gegen den eigenen Körper kämpfen

Ja, ich muss mich manchmal bewusst bremsen. Es gibt Tage, da geht die Motivation mit mir durch und ich werde ehrgeizig. Aber ich weiß, dass ab da das Üben an Qualität verliert. Ich muss mir nichts beweisen und der Welt schon gar nicht. Ich mache das alles für mich und mein Wohlergehen. Und das kann ich nur, wenn ich nicht anfange, gegen meinen Körper zu kämpfen, ihn über seine Grenzen zwingen zu wollen. Ich muss das schon mit ihm zusammen machen 🙂 .

Sich bremsen

Damals in meiner Ausbildung hatten wir einen uuuunglaublich tollen Anatomie Professor. Dieser Mann hat Zellen in verschiedenen Farben an die Tafel gezeichnet. Kunstwerke! Er war so verliebt in jede Zelle, sprach so bewundernd über dieses kleine Leben. Und er sagte zu uns – denkt daran, wenn ihr mit euren Instrumenten unter das Zahnfleisch geht! Denkt daran, was ihr alles an Schaden anrichtet! Seid vorsichtig, umsichtig und respektvoll den Zellen gegenüber!

Ich habe diese Worte während der Arbeit so häufig immer noch als Hintergrundrauschen im Kopf, sogar auch, wenn ich mit Zuki ihre Übungen trainiere. Und auch bei meinen Übungen zuhause. Daher bin ich sehr glücklich über die schönen Yoga-Anatomie-Bücher, die es mittlerweile zu erwerben gibt. (Nicht nur) der menschliche Körper ist so faszinierend. Leben ist faszinierend!

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All die kleinen Zellen, die ich durch meine Übungen bewege, anspreche – teils auch indirekt. Alle müssen sich auf neue Situationen einstellen – abbauen, umbauen, neu formieren. Kleine Verletzungen muss der Körper auch mal eben schnell in den Griff bekommen. Ganz nebenbei evtl. noch mit Baktieren und Viren kämpfen, das Gehirn alles steuern, die Neuronen auf Höchstleistung, das Herz, das regelmäßig angepasst arbeiten soll und und und. Das alles braucht ZEIT!

Yoga ist so ein wundervoller Weg, um sich in Geduld üben zu können und die Fähigkeiten eines Beobachters zu trainieren 🙂 .

Der Handstandclub

Handstand in 10 Tagen – ich könnte jetzt geneigt sein zu sagen, was für ein Quatsch. Starten untrainierte Menschen ohne Anleitung in den Handstand, kann das übel ausgehen. Doch letztendlich ist diese „Gefahr“ immer gegeben, egal ob beim Lernen von Youtube-Videos, DVD’s, suboptimalen Lehrern oder sonst was 🙂 .

Ich habe meinen Schultergürtel die letzten Monate gut stabilisiert, meine Bauchmuskeln, meine Handgelenke. Ich weiß, dass mein Körper diese neue Herausforderung rein von der Kraft schaffen kann. Bei mir ist es eine Kopfsache, da ich als geerdeter Mensch dringend immer meine beiden Füße auf dem Boden haben muss. Daher mag ich auch nicht hochgenommen werden und vermutlich auch nicht so wirklich gerne schwimmen.

Ich muss mir nicht beweisen, dass ich den Handstand kann. Ich möchte für mich einfach in eine andere Dimension mit meinem Körper – von den Händen getragen, die Füße zum Himmel. Wer weiß, was diese Fähigkeit generell mir und meinem Körper bringt 🙂 . Schöner wäre, wenn ich hier jemanden hätte, der mir Hilfestellung bietet. Die Wand sichert mich nur in eine Richtung. Aber das nützt nichts. Am Wochenende hatte ich bereits geschafft, endlich die Hüfte über die Schultern zu bringen – ein ziemlich krasses Gefühl und so ganz anders als beim Kopfstand! Aber ein echter Handstand – davon bin ich noch weit entfernt.

Für diejenigen, die als Anfänger in den Handstandclub starten – nutzt doch die 10 Tage einfach zur Vorbereitung! Schultergürtel trainieren, Bauchmuskeln, Rücken stärken, an der Flexibilität der Schultern arbeiten. Es sagt keiner, dass in 10 Tagen das Ziel Handstand erreicht werden soll. Werde ich auch nicht schaffen 😀 .

Weiterführendes

Ich denke, dass beim Thema „Gratwanderung zwischen Komfortzone verlassen und Ehrgeiz“ die Yogalehrer eine sehr große Verantwortung gegenüber ihren Schülern haben. Yoga kann, wenn nicht richtig angeleitet, den Körper so schnell kaputt machen… Und mit kaputt meine ich kaputt.

Die Yogalehrer müssen das richtige Maß finden zur Weiterentwicklung und den Ehrgeiz zügeln, wenn er aufflammt. Das Bedarf einer sehr guten Schulung der Lehrer und sie müssen das Wissen im Unterricht flexibel anwenden können. Was für ein wundervoller Beruf, wenn das stimmig ist!

Wenn ich an manche Gruppen- und Kursgrößen denke, wird mir da ganz schwummerig. Letztendlich kann aber auch kein Schüler erwarten, dass individuelleres Üben bei einer Gruppengröße von XY noch annehmbar machbar ist. Aber kleine Gruppen kosten mehr Geld, gute Lehrer kosten Geld und so weiter und so fort. Woher kann der Schüler sicher sein, dass sein Lehrer(-in) einen guten Background hat? Dass er sich ihm/ ihr anvertrauen kann? Alles nicht so einfach manchmal.

Zum Ende

Nach all der Schreiberei – Gedanken aufschreiben tut mir einfach immer wieder unheimlich gut – geht es jetzt mal auf die Matte. Handstandclubtagnummereins! Denn die ganze Geschichte (nicht nur der Handstand) macht vor allem eines – viel Spaß und ein gutes Gefühl 😀 . Aufgrund meiner Bindehautentzündung bin ich derzeit noch etwas gehandicapt und werde mich heute ebenfalls auf bisschen Schultergürtel- und Core-Training beschränken.

 

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Ein Kommentar zu „Die Sache mit dem Ehrgeiz, den Grenzen und der Achtsamkeit – Der Handstandclub

  1. liebe nicole. vielen dank für die worte!
    du schreibst (wahrscheinlich nicht nur) mir aus der seele: der körper und die seele mit seinen/ihren „roststellen“ und narben, die teils ersetzt oder für gewisse zeit umgewandelt werden, immer wieder hervortreten, ABER definitiv nicht weniger werden, benötigen unsere achtsamkeit und liebevolle umsorgung! und das in einer hektischen welt mit einem westlichen alltag.
    das lied „jede zelle meines körpers ist glücklich“ fiel mir zur passage über den prof ein … ein wirklich gewöhnungsbedürftiger song mit wenig text -> aber wer das von sich behaupten kann, hat einges gerockt.
    der handstand geht krank leider nicht, aber wie für alles, was uns aus welcher komfortzone auch immer herauslocken möchte, ist immer DIE ZEIT die entscheidende, in der wir es dann einfach mal tun -> du machst es richtig, wenn du es machst.
    ich freue mich auf weitere einträge!
    monja

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