Viszerale Osteopathie im Yoga | Workshop Review

Wer an Yoga denkt, hat vermutlich zuerst einmal Worte im Kopf wie Flexibilität, Entspannung, Kraft und Gesundheit. Dazu die passenden Bilder von Menschen in teils interessanten Stellungen oder entspannt sitzend oder liegend.

Ich hatte auf körperlicher Ebene den Fokus ebenfalls auf diese Punkte. Ja, die Bewegungen haben auch Einfluss auf das in mir drin, aber ich nahm meine Yogapraxis letztes Jahr aufgrund starker Rücken- und Hüftschmerzen und weiterem wieder auf. Nicht wegen organischer Probleme. Ich beschäftigte mich vor allem mit den Wirbeln, Gelenken, Muskeln und Faszien.

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In dieser Zeit fiel mir ein Buch in die Hand mit dem Titel „Osteopathische Übungen mit dem Pilatesroller„. Gekauft hatte ich es wegen meiner Beschwerden, hängen geblieben war ich jedoch bei einem bestimmten Punkt – den (viszeralen) Organen und der Möglichkeit, sie durch Übungen so zu beeinflussen, dass sie wieder eine für sie günstigere Position einnehmen und sie somit besser funktionieren können und ggf. sogar Medikamente nicht mehr nötig sind oder reduziert werden können. Ein Bereich, der mir während meiner Abi-Zeit und in den Ausbildungen nicht wirklich vertraut wurde – viszerale Organe. Mit meinem Herz und Lunge hatte ich durchaus eine Verbindung, aber das da unter? Wie oft musste ich mich mit Bildern der Eingeweide auseinandersetzen, habe während einer Obduktion sogar daneben gestanden. Aber trotzdem war dieses wichtige Thema für mich nicht „greifbar“.

Leber, Niere, Milz, Magen, Darm und Co – sie liegen da so zusammen gestopft. Ja, wo genau überhaupt? Und wie überhaupt? Wie kann das überhaupt funktionieren? Bemerken tut man die viszeralen Organe vor allem dann, wenn sie nicht mehr rund laufen oder der Arzt sagt, dass das Blutbild vom Kurs abweicht. Was das für den Menschen bedeuten kann, erlebe ich oft in der Praxis. Die Medikamentenliste ist teils lang, es kommt eines zum anderen. Oder die Ursache für bestimmte Beschwerden werden nicht gefunden. Bluthochdruck und immer wiederkehrende Infekte stehen auch weit oben auf der Liste.

Daher war ich sehr angetan von dem Titel des Workshops, für den ich mich angemeldet hatte, bevor ich wusste, dass ich auch die Ausbildung starten werde. Ich wollte mehr wissen für mich und für meine Familie. Gehofft hatte ich, dass meine sehr verkümmerten Ideen über die Organe und deren Funktion ausreichen, um dem Ganzen zu folgen.

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Erwartungen

Was hatte ich vom Workshop erwartet? Geleitet wurde der Workshop von Thomas Kluge (Yogalehrer, Kinesiologe EMK, Dozent in der Yogalehrerausbildung) und Gunnar Tannhäuser (Physiotherapeut, Osteopath BAO/B.Sc., Dozent in der Osteopathieausbildung). Bei den beiden Dozenten war ich einfach erstmal davon ausgegangen, dass es mit Sicherheit gut werden würde. Thomas durfte ich mittlerweile schon mehrere Male erleben und wenn er jemanden mit ins Boot holt, kann dieser Menschen ebenfalls was. So viel jedoch vorab – Gunnar hat mit seinem Wissen, seiner Ruhe und seiner Bescheidenheit einen ziemlichen Eindruck hinterlassen 🙂 .

Erhofft hatte ich mir, dass mir meine viszeralen Organe näher gebracht werden würden, ich verstehe/ begreife, warum was wie zusammenhängt (teils ist das tatsächlich wörtlich zu nehmen) und ich eine Verbindung zu ihnen bekommen. Erhofft, dass ich Übungen an die Hand bekomme, mit denen ich meinen Körper und evtl. den meiner Menschen unterstützen kann.

Auf dem Weg zum Gedanken an die Ausbildung ist es tatsächlich auch einer der Bereiche im Yoga, der mir persönlich immer mehr zusagt, wenn ich an die Arbeit mit Menschen denke.

Teilnehmerfeld

Wir waren eine sehr sehr kleine Gruppe. Der erste minikleine Moment der leichten Panik (hui, da kannste dich gar nicht „verstecken“) verschwand sehr schnell. Am zweiten Tag wurde uns klar, dass unter anderem vier Generationen Yoga-Now-Lehrerinnen (ausgebildet, in Ausbildung und vor Ausbildungsstart) anwesend waren 😀 , dazu eine Teilnehmerin aus dem Bereich Pilates. Diese kleine Gruppe war ein echtes Geschenk. Dazu jedoch später mehr.

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Inhalte

Vorab, ich werde hier keine detaillierten Dinge aufschreiben können. Dass, was ich in den zwei Tagen lernen durfte war so komplex, dass es nicht mal so eben niedergeschrieben werden kann. Vieles arbeitet in mir noch nach, wird „sortiert“, mit vorhandenem Wissen „vernetzt“ und muss durch die eigenen Praxis weiter vertieft werden. Auffrischungen werden auch nötig sein. Dass, was ein Osteopath in seiner Ausbildung lernt, dass, was ein langjähriger Yogalehrer gelernt hat, ist nicht mal eben so in zwei Tagen auf dem selben Level zu erreichen.

Als uns Thomas das umfangreiche Script gleich zu Beginn des Workshops in die Hand gab dachte ich erst, ob das so eine gute Idee ist? Ich kenne es von mir, dass, wenn ich den Referenten/ Dozenten nicht zuhören kann (da einschläfernd vorgetragen oder so 😀 ) oder ich mal abschalten muss, in dem Script lese, rummale und nicht bei der Sache bin. Es war jedoch eine super Idee! Noch nie habe ich mit einem Script so intensiv gearbeitet es und es zu „meinem“ gemacht wie an diesem Wochenende.

Der erste Tag startete nach einer Vorstellungsrunde mit dem Öffen und Moblisieren der Diaphragmen im Körper (grob gesagt Trenn- oder Scheidewänden) aus osteopathischer Sicht, damit unsere Energien besser im Fluß waren. Die bekanntesten dürften im allgemeinen das Zwerchfell und der Beckenboden sein. Wir haben uns dazu noch mit dem kraniozervikalem (Schädel-Hals) und dem zervikothorakalem (Übergang Halswirbel-Brustwirbel) beschäftigt.

Gunnar hat uns die Techniken gezeigt und wir haben sie bei uns gegenseitig üben können. Auch wenn unsere Handgriffe wenig geübt waren, war das Gefühl danach sehr sehr angenehm erfrischend und „leicht“.

Danach ging es über in den theoretischen Teil. Was ist die Osteopathie, wie hat sie sich entwickelt. Die Osteopathie und das Verständnis für Gesundheit, sowie die Diagnostik. Dazu die Embroynalentwicklung – noch nie habe ich diese so wahrgenommen und verstanden! Und sie zu verstehen ist so wichtig. Es macht so unglaublich deutlich, warum nichts als getrennt voneinander gesehen werden kann.

Allein diese Bereiche fand ich schon sehr spannend. Gunnar’s lebendige, greifbare und verständliche Art und Weise, komplizierte Dinge einfach zu erklären, zog sich wie ein roter Faden durch die beiden Tage. Osteopathie ist mehr als „Die Lehre der Leidenden Knochen“ 😀 .

Und es war hier bereits deutlich zu erkennen, wie „organisch“ der Workshop werden würde. Obwohl wir uns noch im „osteopathischen“ Teil aufhielten, kam der „yogische“ Aspekt ganz automatisch und natürlich mit dazu. Einmal von Thomas, aber vor allem auch von uns Teilnehmern, die direkt eine Verbindung zu bestimmten Yoga-Übungen sahen-vermuteten oder generell zu dem, wie sich ein Körper bewegt bzw. funktioniert. Alle waren sehr offen und jeder hat sich getraut zu fragen oder Ideen in den Raum zu geben.

Danach hatten wir Zeit, über unsere embryonale Entwicklung zu meditieren und nach der anschließenden Pause ging es direkt weiter mit den Organen. Gunnar startete jeweils mit dem anatomischen Part und erklärte auch, wie eine Differenzialdiagnose aussehen könnte und wie ein Osteopath an diesem Organ arbeitet – und daraufhin synergetisierten alle. Bäm!

Anschließend ging Thomas mit uns ein Set mit Übungen aus dem Yoga genau für dieses Organg durch. Für mich ganz spannend zu erkennen, wie deutlich, ähnlich und ergänzend die Verbindung des osteopathischen Ansatzes und des yogischen sind.

Der zweite Tag startete mit dem öffnen und mobilisieren der Diaphragmen aus yogischer Sicht, geleitet von Thomas. Nein, stimmt nicht ganz, denn ganz zu anfangs saßen wir alle zusammen und erzählten, wie wir den ersten Tag erlebt hatten, was für Möglichkeiten diese Thematik bietet und wir wurden Fragen los, die sich entwickelt hatten, nachdem wir alles über Nacht hatten sacken lassen.

Nach dem Öffnen der Diaphragmen ging es an die anderen Organe mit demselben „Muster“ wie am ersten Tag.

Worüber ich mir noch nie so Gedanken gemacht hatte!

  • Wieviele Organe im „Bauchraum“ sitzen, wie sie aufgehangen sind, miteinander verbunden sind oder mit der Leibeswand verbunden sind.
  • Wie sehr die Arbeit des Herzens durch die Bewegung der Organe unterstützt wird.
  • Wie sehr die Bewegung des Zwerchfells, an dem bsw. die Leber und er Magen direkt von unten befestigt sind, auf die Organe wirkt.
  • Wie sehr die Bewegungen des Körpers generell Auswirkungen auf das Innere haben – und umgekehrt.
  • Dass der Magen mit dem Querdarm über Gewebe direkt verbunden ist.
  • Die Leber an der unteren Hohlvene aufgehangen ist.
  • Der Ort eines Schmerzes im Rückenbereich auf Probleme eines bestimmten Organs hinweisen kann, da sich die Organe embryonal so entwickelt haben, wie sie sich entwickelt haben.
  • Dass durch ein Absacken eines Organs viele Probleme auftreten können (von der Störung der Funktion dieses Organs über Funktionsstörungen anderer Organe, da es auf diese drückt oder auch auf die Blutgefäße).
  • Dass es zu Spannung an Schnittstellen zwischen den Organen oder deren Aufhängungen kommen kann, die bsw. die Bewegungen beeinträchtigen.
  • Wie bestimmte Erkrankungen-Beschwerden zusammenhängen können
  • Was es für ein unglaubliches Wunder ist, dass das alles funktioniert!
  • Ohne Bewegung alles Nichts ist!
  • Der Körper, der äußerlich symmetrisch erscheint, drinnen asymmetrisch ist.
  • Dass ein Körper in seiner äußerlichen Symmetrie ebenfalls asymmetrisch sein kann und dieses Rückschlüsse auf Probleme im Innern geben kann
  • Dass ich weiß, dass ich noch viel Lernen möchte!
  • …und extrem vieles mehr…!

Wir sind so unglaublich viel durchgegangen, teils schon sehr ins Detail gehend und nicht so „oberflächlich“, wie oben beschrieben. Aber wie gesagt, dass würde den Artikel hier echt sprengen.

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Fazit

Meine Erwartungen wurden mehr als übertroffen. Ganz witzig fand ich, dass Thomas und Gunnar tatsächlich etwas Sorge hatten, ob der Stoff für die beiden Tage überhaupt ausreicht 😀 .

Letztendlich war es so, dass durch diese unglaubliche Synergie aller Anwesenden die Zeit knapp wurde. Die Sets, die wir eigentlich alle nach Anleitung durchgehen wollten, haben wir in dem Umfang gar nicht geschafft, sondern waren, bis auf das erste, die Übungen nur kurz durchgegangen, damit wir sie verstehen konnten.

Wir haben so gesehen wenig „Yoga“ gemacht, aber für mich waren die Tage trotzdem mit ganz viel Yoga erfüllt! Eigentlich ganz arg gelebtes Yoga. Diese Energie, die entstanden war echt toll!

Und auch wenn ich mich nicht über das Durcharbeiten der Sets mit meinem jeweiligen Organ auseinander gesetzt habe, war ich bei der Vorstellung jedes Organs ganz dolle bei meinen Organen – habe versucht sie mit den Händen zu spüren, geschaut, was Bewegungen verändern können, die Atmung nicht zu vergessen. So gesehen war der Workshop tatsächlich körperlich doch sehr intensiv.

Was mir nun irgendwie fehlt ist die Umsetzung in die Praxis. Aber das wird kommen, früher oder später. Anfangen kann ich bei mir. Mein Körper kann das auch gut vertragen 🙂 .

Zukunft

Es wäre großartig, wenn die verschiedenen „Disziplinen“ wie Ärzte, Osteopathen, Yogalehrer und Co zusammenarbeiten würden. Mir hat dieser Workshop wieder einmal gezeigt, dass es nicht sinnvoll ist, den Körper in Einzelteile zu zerlegen, da alles miteinander in Verbindung steht. Auch wenn wir Übungen mit Fokus auf ein Organ durchgegangen sind, wurden andere mitbearbeitet.

Was vielen Menschen fehlt ist Bewegung bzw. haben auch zu viel Bewegung auf der einen Seite und zu wenig auf der anderen. Da der Körper so sehr auf Bewegungen angewiesen ist, damit er gut auch im Innern funktionieren kann, ist es nicht verwunderlich, warum so viele Menschen hier Probleme bekommen. Wie ich Eingangs schrieb – die Medikamentenliste ist teils lang.

Würde der Mensch sich in dem Rahmen, in welchem er sich als Mensch bewegen kann auch vernünftig bewegen und würde zudem schauen, was er so an Nahrung in sich reinstopft, wären die Auswirkung in Richtung Erkrankungen teils vermutlich gar nicht so groß. Aber wer bewegt sich heute schon „vernünftig“ und regelmäßig? Im Alltag ist das alles gar nicht mehr so einfach. Dabei hat jeder eigene Körper so viel Potential!

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Wer macht sich ernsthaft Gedanken über seine Atmung, sein Zwerchfell, die Ausdehnung des Brustraumes, die Ausdehnung und das Schieben der Organe weiter runter in den Bauchraum und dass das alles wichtig ist, um zu funktionieren.

Für mich war dieser Workshop vor allem auch eines, eine Bestätigung – die Idee, die Ausbildung im nächsten Jahr zu starten, war richtig. Yoga ist „groß“!

An Thomas, Gunnar und den Teilnehmerinnen ein Danke von Herzen für diese tollen Stunden, die durch die Aktivität jedes einzelnen so bereichernd und wertvoll geworden sind

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