„1 zu1“-Unterricht | Vini-Yoga-Erfahrungsbericht

In einer Zeit, in welcher der Yoga-Markt fast überschüttet wird mit neuen Büchern, Online-Übungs-und Trainings-Plattformen, Online-Kursen und DVD’s, möchte ich nun doch berichten, was ich derzeit so erlebe. „Nun doch“, da tatsächlich für mich einige Erfahrungen zu persönlich sind, als dass ich sie in die Welt hinaus schreiben würde (vieles geht euch halt doch nix an 🙂 ), ich jedoch denke, dass der/ die eine oder andere evtl. ähnliche Fragen und Gedanken hat, wie ich sie hatte.

Vorab, versteht mich nicht falsch. Ich selber habe den Einstieg in den Yoga genau aus oben genanntem wieder gefunden. Das Angebot passt auch wunderbar in unsere doch recht schnelllebige und konsum-orientierte Gesellschaft. Zudem hat nicht jeder eine Yoga-Schule vor Ort. Ich fühle mich in der Yoga-Online-Welt immer noch wohl, liebe Yoga-Bücher, aber meine Prioritäten und Bedürfnisse verschieben sich mit den Erfahrungen, sowie sich auch meine Yoga-Praxis verändert.

Außerdem ist es jetzt sehr genau 1 Jahr her, dass ich meinen Yogalehrer fragte, ob er sich mit mir Einzelstunden vorstellen könnte. Zeit für ein Resümee, für das ich etwas ausholen muss 🙂 . Wer mag, ist zum Weiterlesen eingeladen!

Der Weg zum Einzelunterricht

Die Unterrichtssituation von einem/er SchülerIn zu einem/er LehrerIn (der Einfachheit werde ich hier nicht groß weiter „gendern“ 🙂 ) war mir zu Beginn vom Gefühl her sehr fremd. In einer 1 zu 1 Situation gibt es keine Möglichkeit, in der Masse einer Gruppe unterzutauchen, es kann direkt auf eigene Baustellen aufmerksam gemacht und eingegangen werden und es bedeutet direkten Kontakt zu deinem Gegenüber in der gesamten Zeit. Das krasse Gegenteil zu meinen Online-Geschichten und auch zu meinem Yoga-Kurs.

Ich selber arbeite seit nun fast 20 Jahren im direkten Kontakt mit Menschen. Ich unterstütze sie, höre zu, trainiere und behandle sie – es ist für mich auch nach all den Jahren immer noch eine wundervolle und bereichernde Arbeit. Die Patienten vertrauen mir, lassen sich auf mich ein. Manchmal braucht dieser Prozess Zeit. Alles okay!

Individualität in meiner Behandlung ist wichtig! Ich muss mich meinen Patienten anpassen und dass, was ich ihnen vermitteln möchte, so gestalten, dass sie es auch kleinschrittig umsetzten können. So entsteht Nachhaltigkeit.

In diese Richtung gedacht ist es für mich völlig „normal“, bin mir aber immer bewusst, was diese Situation für den einen oder anderen Menschen bedeuten kann. Denn es ist nicht für jeden leicht, sich darauf einzulassen – mit den unterschiedlichsten Reaktionen aus dieser ggf. für manche Menschen unangenehmen und etwas stressigen Situation „Zahnarztpraxis“ heraus. Jeder hat seine Geschichte.

Und ich? Ich bin eher der Typ – mach ich selbst! Was ich nicht kann, lasse ich bleiben oder wenn es wichtig ist, wurschelt ich mich dadurch bis es klappt. Ich vertraue auf meine eigenen Fähig-und Fertigkeiten. Jemanden um Hilfe bitten oder Hilfe annehmen? Eigentlich keine Option für mich. Teamwork jedoch ist vollkommen okay. Ist auch eine andere Situtation.

Mit dem „Therapeutischem Yoga Kurs“ fing es an. Es passierten dann zwei Dinge. Zum einen merkte ich, dass auch wenn das Online-Angebot sehr nett und detailliert aufgearbeitet ist, ich an bestimmte Dinge nicht ran kam und ich zudem Sorge hatte, bestimmte Übungen doch falsch anzugehen. Und wo ist da vor allem die Individualität, die ich für meine Patienten so sehr schätze? Selbst in Yoga-Kursen, in denen teils viele Teilnehmer ein gemeinsames Thema in der Stunde durchgehen, ist es für einen Lehrer kaum möglich, wirklich individuell und an den jeweiligen Schüler angepasst anzusetzen.

Zum anderen bohrte sich der Gedanke immer weiter in meinen Kopf, dass ich, wo ich so viel für meine Patienten tue, in dem Bereich auch mal was für mich tun könnte. Nicht nur Geben, auch mal Empfangen dürfen. Qualitätszeit für mich.

Die Suche

Ich suchte also mal wieder im Netz nach einer Möglichkeit, Ashtanga-Mysore-Klassen zu besuchen, da a) Ashtanga mein Ding ist, b) in einer Gruppe individuell geübt und angeleitet wird. Das wäre es gewesen! Gleichzeitig hatte ich einige Einzelunterrichts-Optionen gescant.

Letztendlich scheiterte das Unternehmen wieder an meiner Zeit, denn ich hatte (und habe) seinerzeit kaum Zeit gehabt, für eine Yoga-Stunde ca. 1 1/2 Stunden Fahrzeit (wenn es gut läuft) nach Hamburg rein und wieder raus. Durch den Schichtdienst und die alltäglichen Dinge, hätte ich mich zerreißen müssen. Zudem hätte ich schauen müssen, dass die Chemie stimmig ist, denn im Yoga muss man Menschen teils nah an sich heran lassen können. Alles dieses hatte ich schon mal durch gekaut, aber manchmal müssen Wiederholungen her 😀 .

Tja, ich hatte den Wald wieder vor lauter Bäumen nicht gesehen, denn eigentlich hatte ich meinen Lehrer ja vor der Nase sitzen. Also schickte ich ihm eine Mail mit meinem Anliegen raus, denn ich wollte meine Ashtanga-Praxis vertiefen und fragte, ob er überhaupt Einzelunterricht geben würde und wenn nicht, ob er jemanden empfehlenswerten kenne. Hatte ich gezögert den Sende-Knopf zu drücken? Ja, natürlich! Ich hatte Sorge, dass er ja sagen könne und Sorge, dass er nein sagen könne 😀 .

Unterricht zuhause?!

Wir haben eine für mich optimale Zeit in meiner Spätschicht gefunden gehabt und das Ganze bei mir zuhause. Probestunde. Der erste Gedanke war zwar, ob das wohl gut geht und ich mich darauf einlassen kann? Denn in den eigenen 4 Wänden ist es vielleicht noch „enger“ als in einer Yoga-Schule, in der die Aufmerksamkeitsteilung für die evtl. nötige Ablenkung und Distanz sorgen könnte.

Letztendlich dachte ich, wäre das optimal, denn ich hätte keinen zeitlichen Verlust durch Fahrzeit, mein Hund wäre nicht wieder für irgendwas alleine zuhause und vielleicht bekommt das Ganze doch eine andere Qualtiät, wenn ich dort weiter praktiziere, wo ich immer praktiziere. Weniger Ablenkung, mehr Fokus.

Entwicklung von der ersten Probestunde bis heute

Allen Bedenken und Sorgen zum Trotz, war schon nach der Probestunde klar, dass das wunderbar funktioniert  🙂 .

Dadurch, dass ich letztes Jahr zum einen mein Handgelenk eine zeitlang kaputt hatte und ich mit Renovierungsarbeiten und Umzug zu tun hatte, trafen wir uns die erste Zeit nicht so häufig, aber nun seit einigen Monaten, wenn es gut geht, alle 2 Wochen.

Wünsche

Auch wenn ich mich für mein Alter ziemlich fit fühle (jetzt wieder, denn vor genau 2 Jahren sah das komplett anders aus), geht auch die Zeit an mir nicht spurlos vorbei. Erfahrungen, Erlebnisse, die tägliche Belastung durch die Arbeit am Behandlungsstuhl – mein Körper hat viel „gespeichert“.

Mein Wunsch war es, die erste Serie im Ashtanga „aufzuräumen“. Ja, machen wir auch, aber die Stunden entwickeln sich mittlerweile sehr organisch-lebendig-individuell-angepasst.

Meinen Wunsch hatte mein Lehrer mir nicht abgesprochen, obwohl er da vermutlich schon gedacht hatte, Nic, deine „Baustellen“ könnten wir auch erst mal gezielter angehen 😀 .

Ich bin so froh, dass er es nicht ausgesprochen hatte und mir die Freiheit und Zeit gelassen hatte, es selbst zu erkennen. Dabei kann er so wundervoll direkt werden LOL! Selbsterkenntnis ist so wertvoll. Kein Zwang, kein „du solltest“ – ein „ich möchte“.

Vom Groben ins Feine

Durch meine fast tägliche Yoga-Praxis für mich zuhause, durch das immer feiner werden in der eigenen Wahrnehmung und durch das gute Auge meines Yogalehrers, entstehen Wünsche und Ideen für die nächste Stunde.

Individuelle Atemübungen, für meinen Körper angepasste Ansätze für die Asanas und andere Bewegungsmuster – dazu ein Mensch mir gegenüber, der zuhört und mich versteht.

Eine Stunde volle Aufmerksamkeit. Teils sehr intensiv und eigentlich nicht mein Ding. Denn ich verschwinde lieber irgendwo in der Masse und stehe auch nicht so auf Körperkontakt, der in den Hilfestellungen im Yoga manchmal nun aber unausweichlich ist.

Es wird so viel geschrieben über im Körper gespeicherte Emotionen und Erfahrungen und dass durch den Yoga einiges losgetreten werden kann. Ja, das passiert! Auf jeden Fall bei mir.

Und für mich passiert da gerade viel mehr als noch vor einiger Zeit ein „Cool, bin ich mutig, dass ich auf meinen Händen balancieren kann und keine Angst habe, mehr auf die Nase zu fallen. Schaut mal alle her! Was das jetzt für mein weiteres Leben bedeutet!! Oder, hey, ich kann jetzt schon dieses oder jenes!“ – mal ganz platt meine Gedanken kurzgefasst.

Es ist eine Entwicklung vom Groben ins Feine. Ich denke, das geht auch nicht anders, drum ist alles okay so, wie es ist. Es ist eine Entwicklung, die nicht erzwungen werden kann und vor allem, ich habe sie nicht so erwartet. Ehrlich nicht.

Ohne Lehrer geht das nicht!

Ich hatte mal in einem Artikel geschrieben, dass ich eher sehr bodenständig bin und immer die Füße auf der Erde haben muss. Ich glaube, es war der Handstand-Club-Artikel. Egal.

Die Worte Vertrauen, Hingabe, Loslassen, Fallenlassen und Akzeptanz sind zwar schon fast „ausgelutscht“, aber sie treffen bei mir sehr ins Schwarze.

Ich wäre in meiner Yogapraxis heute nicht da, wo ich jetzt bin (und ich hab glücklicherweise keinen Plan, wo die Reise noch hin geht), wenn ich meinen Lehrer nicht an meiner Seite hätte.

Er macht vieles erst möglich – wie ein Türöffner. Durchschreiten muss ich selber vor allem dann auch weiter gehen und Erfahrungen sammeln. Und das Weitergehen ist für mich nur möglich da ich mittlerweile weiß, dass er mich im Falle eines Falles auffängt, nein anders, dass ich mich im Notfall auffangen lassen kann und mag. Danke ❤ ! Was nicht heißt, dass ich mir nicht hier und da die „Nase stoße und Knie aufschürfe“ 🙂 .

Alleine auf der Matte

Wenn ich täglich auf der Matte stehe, muss ich keinem beweisen wie toll dieses oder jenes schon klappt oder wie stylisch es jetzt schon aussieht. Es schaut mir keiner zu und ich lerne, dass ich es auch mir nicht beweisen muss, meinem Lehrer schon gar nicht. Es applaudiert mir niemand oder hinterlässt „ein Like“. Das nimmt so angenehm den Druck aus der ganzen Geschichte 🙂 . Ab und an nehme ich Dinge auf Video auf, um meine Körperausrichtung zu kontrollieren, mehr nicht.

Mein Körper verändert sich – die Yoga-Praxis hinterlässt Spuren im positiven Sinne. Ich fühle mich gut und anders.

Meine Yoga-Praxis auf der Matte ist nicht „hübsch“, teils recht „unbequem“, aber sie entwickelt eine Kraft, die von Innen heraus kommt. Sehr oft ist mein Körper auch schon weiter als mein Kopf und unterstützt mich. Hört sich strange an? Ist es auch irgendwie, wenn man da selber drin steckt und es erfährt.

Das Wort „Selbst-bewusst-sein“ bekommt für mich eine ganz andere Bedeutung.

Das liebe Geld und ein Fazit

1 zu 1 Unterricht ist in der heutigen Zeit vielleicht nicht so in Mode wie Online-Angebote oder Workshops zu bestimmten Themen. Für mich ist hat es sich jedoch wider erwarten zu einer sehr wertvollen und bereichernden Zeit entwickelt, die ich nicht mehr missen möchte.

Ob Lehrer oder Lehrerin, das entscheidet vor allem das Gefühl und die Chemie. Oberstes Gebot, zwischenmenschlich muss sich das gut anfühlen, richtig gut. Sonst wird das nicht klappen. Ich hatte seinerzeit nach einer Lehrerin gesucht, da ich dachte, das wäre besser für mich. Es kam dann halt ganz anders.

Ja, für den Einzelunterricht muss Geld investiert werden – mehr als für eine Gruppenstunde. Meine Patienten müssen ebenfalls für meine Behandlung bezahlen, auch wenn es häufig über die Jahre teils schon fast freundschaftliche Beziehungen werden. Das steht dann nicht zwischen uns, sondern ist eben so. Es ändert aber nichts an unserer Beziehung noch fühlt sich „erkauft“ an.

Mir läuft das Geld echt nicht aus der Tasche, aber da heißt es für mich Prioritäten zu setzen. Das Geld ist dann jedoch noch besser angelegt, wenn man es schafft, auch zwischen den einzelnen Terminen auf die Matte zu steigen und nicht nur dem wohligen und erfrischendem Gefühl des Konsums zu erliegen. Ich weiß, wie verlockend das Gefühl sein kann 🙂 .

Zum Schluß noch eines zum Begriff Vini-Yoga. Es ist eigentlich kein wirklicher Yoga-Stil, sondern bezeichnet eher die Art und Weise, wie Yoga unterrichtet, angewandt und weiter gegeben werden sollte. Individuell, angepasst und die Zeit berücksichtigend, die der jeweilige Mensch benötigt. Habt das vielleicht im Kopf, wenn ihr euch nach Yoga-Angeboten umschaut ❤ !

 

 

 

 

 

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Ein Kommentar zu „„1 zu1“-Unterricht | Vini-Yoga-Erfahrungsbericht

  1. Du schreibst sehr interessant. Yini-Yoga kannte ich noch nicht, aber YinYoga. Ist wie Faszienyoga. Es gibt schon so viele Begriffe, Umschreibungen für verschiedene Yogastile und monatlich kommen Dutzende hinzu.

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